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Schmökern und Schlemmen

Reise durch den aktuellen Büchermarkt

Da die diesjährige fünfte Auflage "Schmökern und Schlemmen" am 06. November mit den Fachfrauen Astrid Henning und Andrea Westerkamp aufgrund der Corona-Lage bedauerlicherweise nicht stattfinden konnte, stellen die beiden Fachfrauen Ihnen hier eine aktuelle Bücherliste mit spannenden Romanen, Krimis und Thrillern zur Verfügung.

Die Bücher können bei der Buchhandlung Terwelp in Cloppenburg erworben oder bestellt werden. Tel.: 04471 92245

Titelauswahl Andrea Westerkamp

Oliver Hilmes, „Das Verschwinden des Dr. Mühe“, Penguin, 235 Seiten, 20,00 €
Berlin in den 30ern.
Erich Mühe ist ein fleißiger Arzt.
Seine Praxis in Berlin-Kreuzberg floriert, und das ermöglicht ihm und
seiner Frau Charlotte ein durchaus angenehmes Leben.
Sein neues Automobil , ein ADLER, ist sein ganzer Stolz!
Währenddessen brodelt es im ganzen Land, besonders aber in den Straßen Berlins.
Kommunisten und Nazis liefern sich erbitterte Kämpfe, wohingegen sich die Monarchisten
ihren Kaiser zurück wünschen.
Kanzler von Papen scheint das Ende der Weimarer Republik einzuläuten.
Unaufhaltsam strebt indessen Hitler der Machtergreifung entgegen...
Am 13. Juni 1932 wird Dr. Mühe mit seinem schönen neuen Auto eine Fahrt an den
Sacrower See unternehmen. Tags darauf entdecken Anwohner das am Ufer abgestellte Auto,
vom Fahrer fehlt jede Spur.
Kommissar Ernst Keller und sein Kriminalassistent Schneider ermitteln, und schnell
wird klar, der Fall ist völlig undurchsichtig, zumal auch nach wochenlanger Suche jede Spur
des verschwundenen Arztes fehlt.
In seinem Roman verbindet Hilmes gekonnt Fiktion und Realität, denn der Fall Mühe
war ein sogenannter COLD CASE, dessen Akte, einzusehen im Landesarchiv Berlin,
über 100 Seiten umfasste.
Dieser Kriminalroman bietet Spannung und beste Unterhaltung.
Darüber hinaus tauchen wir tief ein in das Berlin der 30er und werden zu
Beobachtern einer realen polizeilichen Ermittlung.
Andrea Westerkamp

 

 

Philipp Winkler, „Carnival“, Aufbau, 119 Seiten, 14,00 €

Ganz tief tauche ich gleich auf den ersten Seiten in dieses schmale Büchlein hinein.

Ich versinke quasi in meine Welt aus Kindertagen. Wenn die Kirmes in unsere westfälische Stadt kam, waren wir Kinder aus dem Häuschen.

Die Straßen mit bunten Wimpeln überspannt, der Festplatz, etwas außerhalb der Stadt plötzlich bevölkert mit bunten Wagen, offenen Buden, Karussels, einer Geisterbahn, der obligatorischen Autoscooterbahn und vielen weiteren Attraktionen, die mein Kinderherz höher schlagen ließen.

Wer waren und sind die Kirmser, die Menschen, die in den Wohnwagen leben, die arbeiten, während wir die Zuckerwatte genießen ?

Philipp Winkler gibt ihnen eine Stimme: mal rau und laut, mal melancholisch und zutiefst verletzt, immer authentisch lässt er seine Figuren aus ihrem Leben erzählen.

Ein sehr berührendes Buch, das nur leider viel zu kurz ist...

Andrea Westerkamp

                                                                                                                                                                                      

 

Nick Kolakowski, „Love & Bullets“, Suhrkamp, 425 Seiten, 11,00 €

Achtung! Nichts für schwache Nerven!

Bill liiiiebt rasante Flitzer, Designeranzüge, teure Uhren und - Fiona.

Vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge....

Um sein Luxusleben finanzieren zu können, raubt und betrügt er in großem Stil.

Wie dumm von ihm, dass er nun ausgerechnet seinen Auftraggeber um ettliche

Millionen erleichter hat.

Hier kommt Fiona ins Spiel!

Erwähnenswert an dieser Stelle :sie beherrscht das große 1x1 des Tötens wie kaum jemand.

Fiona ist Auftragskillerin, und ihr aktueller Befehl lautet : kill Bill...

Das raubmordende Paar rast durch amerikanische Provinzdörfer, fliegt in die Karibik, und landet

irgendwann, schon leicht aus der Puste in New York.

Jede Menge Blei und coole Sprüche flastern ihren Weg.

Sie haben die Nase gestrichen voll von der Hektik ihres Alltags, aber der

Showdown, der einige Überraschungen bereit hält, lässt nicht lange auf sich warten!

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!!

Andrea Westerkamp

 

 

 

Tobias Schlegel, „Schockraum“, Piper, 288 Seiten, 22,00 €

Nach einem vielversprechenden Start ins Berufsleben, beschließt Kim von heut auf morgen,

den gut bezahlten Job in der Werbeagentur aufzugeben.

Stattdessen schult er um und absolviert eine dreijährige Ausbildung als (deutlich schlechter bezahlter) Notfallsanitäter.

Seine Arbeit ist fortan in jeder Hinsicht aufreibend. Die Beziehung zu seiner Freundin leidet ebenso

darunter, wie seine eigene Psyche.

Als Kim spürt, das seine Belastbarkeit immer mehr schwindet, lässt er sich zu einer Auszeit mit seinem alten Freund Benny überreden.

Gemeinsam fahren sie nach Texel, und als unterwegs die flippige und völlig entschleunigte Luzi

dazu stößt, verspricht der Ausflug in jeder Hinsicht besonders zu werden...

Tobias Schlegel beschreibt in seinem Debüt die ganz eigenen Erfahrungen.

Als der ehemalige Moderator (u.a. beim Musiksender VIVA) vor ca. vier Jahren umschulte, ahnte er nicht, wie schwer dieser Knochenjob zu verkraften ist, bzw. auf seine Psyche schlägt.

Gerade noch rechtzeitig nahm er professionelle Hilfe in Anspruch, und daraus entstand dieser

sehr kurzweilige heiter-tragische Roman!

Andrea Westerkamp

 

ZITAT des Autoren:

Ich würde gerne den Satz sagen: Ich empfehle diesen Job zu hundert Prozent. Das kann ich aber nicht. Das kann ich jungen Menschen nicht sagen. Aufgrund der Arbeitsbedingungen. Sie sollten dieses Buch lesen, um zu wissen, worauf Sie sich einlassen. Dabei ist es, wenn man es runterbricht, ein toller Job. Ich konnte ein Leben retten und dafür hat sich einfach alles gelohnt. Diese ganze Arbeit, dieser ganze Stress, diese ganzen Kämpfe, die ich ausgefochten habe. Es hat sich gelohnt. Weil ich bei einer Lebensrettung dabei sein konnte, und derjenige hat sich auch noch persönlich bei mir bedankt. Was will man mehr? Deshalb geht es mir gut.“

 

 

 

 Polly Clark, „Tiger“, Eisele, 432 Seiten, 22,00 €      

Das Schicksal der Amur-Tiger in der russischen Taiga wird in dem jüngst erschienen Roman der Kanadierin Polly Clark sehr eindringlich und voller Wärme geschildert.

Mit großem Feingefühl, jedoch ohne Pathos, wirkt er wie ein Plädoyer für den Schutz der Artenvielfalt.

Vier Erzählstränge benutzt die Autorin, um das Leben von Luna, der Tigerin darzustellen

und all derer, die mit ihr zu tun haben.

Frieda ist Primatenforscherin in einem kleinen Zoo in Devon. Sie erforscht das Verhalten der Bonobos.

Ihr persönliches Schicksal drückt sie mit erheblichem Tablettenkonsum in den Hintergrund,

Das geht nicht lange gut. Als man sie eines Tages mit der Betreuung der Amur-Tiger betraut, trifft sie auf Luna.....Tomas ist Wildhüter. Gemeinsam mit seinem Vater baute er das Iwanowitsch-Reservat für Tiger in der kalten Taiga auf. Der Hintergrund von Vater und Sohn birgt jede Menge Konflikte, und nach einem folgenschweren Vergehen des Vaters kommt es zwischen beiden zum Bruch.

 Edit gehört zum aussterbenden Volk der Udeh.

 Mit ihrer Tochter lebt sie fernab der schützenden Dorfgemeinschaft. Eines Tages trifft auch sie auf den Tiger....

Der letzte Strang dieses Ausnahmeromans gehört ganz allein dem Hauptprotagonisten !!

Selten zog mich ein Buch dermaßen in seinen Bann!

Mein absoluter Lesetipp für den Herbst/Winter 2020!!

Andrea Westerkamp

 

 

 

Titelauswahl Astrid Henning        

 

Brit Bennet, „Die verschwindende Hälfte“, Rowohlt, 480 Seiten, 22,00 €

Diesem Roman wünsche ich sehr viele LeserInnen, denn hier kommt so viel vom Besten zusammen: Das Buch lässt uns mit seinen Protagonistinnen mitfühlen, lässt uns ihre Lebenswelt mit neuen Augen sehen, es urteilt nicht, regt zum Nachdenken an – und es unterhält auch noch hervorragend.

Los geht’s 1954 in dem kleinen Städtchen Mallard in Louisiana, einem fiktiven Ort, der noch dazu eine Besonderheit hat: Hier wohnen nur extrem hellhäutige Farbige, deren Hautfarbe sich über die Generationen hinweg so sehr in Richtung „Weiße“ verändert hat, dass ihre Bewohner gar nicht mehr als People of Colour zu erkennen sind. Dort wachsen die Zwillinge Desiree und Stella auf, in wenig privilegierten Verhältnissen – weshalb sie mit knapp 16 Jahren nach New Orleans türmen und jahrelang nichts von sich hören lassen.

Nach einem Jahr in New Orleans trennen sich ihre Wege, denn die beiden werden ihre Zukunft völlig unterschiedlich gestalten. Desiree heiratet einen schwarzen Mann und wird mit knapp 30 Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehren, an der Hand das erste wirklich schwarze Kind in Mallard – ihre Tochter.

Und Stella? Was zuerst nur ein aufregendes Spiel ist, nämlich sich als „Weiße“ auszugeben, wird zu Stellas Lebenskonzept, man könnte auch sagen zu ihrer Lebenslüge.

Brit Bennett schildert beide Schwestern und deren Familie so einfühlsam und glaubwürdig über knapp 40 Jahre hinweg, dass man wirklich das Gefühl bekommt, ganz nah dran zu sein. Gekonnt legt sie die Spuren, macht uns neugierig auf die nächsten Seiten, weshalb ich den Roman nur schwer aus der Hand legen konnte. Dabei sind die Entwicklungen nie vorhersehbar, verschiedenste Themen werden angesprochen, ohne dass die Geschichte überfrachtet wird. Ein Buch über Herkunft, Identität, Selbstbestimmung und Loyalität.

Astrid Henning

 

 

 

Sorj Chalandon, „Wilde Freude“, dtv, 288 Seiten, 22,00 €

Was für ein Auftakt für diesen Roman: Paris, Place Vendôme, hier sitzen die ganz, ganz edlen Juweliere. Eine offensichtlich schwerreiche, saudische Prinzessin betritt mit einer weiblichen Angestellten ein Geschäft, zwei Colliers sollen – wie vereinbart – angesehen werden.

Es wird probiert, ein Foto an den Bruder und Entscheider der Prinzessin geschickt, hin und her… Plötzlich eine Explosion, zwei maskierte Frauen stürmen in den Raum – wie sich herausstellt sind es Komplizinnen der vermeintlichen Prinzessin, die fünf Minuten später eine Beute von knapp 1 Mio. € gemacht haben.

Da holt man erstmal tief Luft.

Der eigentliche Roman beginnt mit einer niederdrückenden Diagnose: Jeanne erfährt bei einer Untersuchung, dass sie Brustkrebs hat, operiert werden muss, Chemo, Bestrahlung – das ganze Programm. Anstatt ihr beizustehen, offenbart sich ihr Mann Matt als absolut jämmerliche Figur: „Ich kann das einfach nicht, Jeanne, ohne mich bist du besser dran…“ Armer Matt, kann einem echt leid tun, wenn die Ehefrau ihre Haare verliert, gar nicht schön.

Während der Chemotherapie lernt Jeanne Brigitte kennen, ebenfalls Patientin, die beiden freunden sich an. Brigitte hat eine große Wohnung, in der sie mit zwei weiteren Freundinnen lebt, ein Zimmer ist noch frei und so zieht Jeanne dort ein.

Warum aber beschließen diese vier Frauen einen Raubüberfall?? Nun,  Mélody, ebenfalls Mitbewohnerin und Krebspatientin, hat leider mit dem falschen Mann eine kleine Tochter. Der ist mit ihr nach Russland, seiner Heimat, ausgereist und will das Kind nur gegen 100.000 € hergeben.

Woher nehmen und nicht stehlen? Eben.

Eine ungewöhnliche Mischung ist dieser Roman: ein bisschen Krimi, ein bisschen Lebensbewältigung, ganz viel Freundschaft und Solidarität, Pariser Flair, rasant, unterhaltsam und mit einem trickreichen Dreh zum Schluss.

Astrid Henning

 

 

 

 Arved Fuchs, „Das Eis schmilzt“, Delius, 256 Seiten, 19,90 €

Seit fast 40 Jahren ist Arved Fuchs in der Arktis unterwegs, er war zu Fuß sowohl am Nord- als auch am Südpol, hat Expeditionen in viele Teile der Welt unternommen und beobachtet somit die Veränderung unseres Klimas seit langer Zeit. Fuchs hat sich immer zu diesen beunruhigenden Entwicklungen geäußert, aber wir wissen, dass die Klimadebatte erst so richtig in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen hat.

Nun also ein neues Buch „Das Eis schmilzt – Klimaschutz und Wirtschaft neu denken“, der Titel verrät schon, dass Fuchs Möglichkeiten sieht, den großen Problemen zu begegnen.

Doch zunächst beschreibt er seine Erfahrungen, vor allem der letzten Jahre, dokumentiert auch mit Fotos wie sich unsere Welt verändert. Ganz wichtig ist Fuchs eine Botschaft, die wir uns immer wieder vor Augen führen sollten: „Die Natur gibt die Spielregeln vor, und es ist an uns, sie zu berücksichtigen. Die Natur kann ohne uns existieren, aber wir nicht ohne sie.“

Anhand konkreter Beispiele beschreibt Fuchs in seinem Buch, was wir, was Länder, Städte und Gemeinden konkret tun können – und da ist zuvörderst die Förderung erneuerbarer Energien zu nennen. Die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten müssen schlau genutzt werden, und die sind Island z.B. anders als in Spanien. Wichtig sind der Wille und die Einsicht, dass mit lauwarmen Kompromissen nichts mehr zu holen ist.

Ebenso aber appelliert Fuchs an jeden von uns, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und zu erkennen: Mein Handeln hat Auswirkungen. Ob es die Vermeidung von Verpackung ist, der Boykott umweltfeindlicher Produkte oder – vor allem – die eigene Bequemlichkeit zu überwinden: Hier ist jeder von uns gefragt.

Auch Corona bleibt nicht unerwähnt, allerdings begreift Fuchs die Pandemie als Chance, unsere Wirtschaft neu und klimagerechter aufzustellen. Ein Buch, das – auch – Hoffnung macht.

Astrid Henning

 

 

 

Alan Gratz, „Vor uns das Meer“, Hanser, 304 Seiten, 17,00 €

 

Die Idee für dieses Buch ist so einleuchtend, dass man sich wirklich fragt, weshalb noch niemand vorher darauf gekommen ist: Alan Gratz schildert in „Vor uns das Meer“ drei Fluchtgeschichten aus der Sicht dreier Teenager, zu drei verschiedenen Zeiten.

1939 flieht Josef zusammen mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester vor Hitler. Sie sind Juden und haben Tickets für die begehrte Passage nach Kuba erreicht – auf der St. Louis…ein Schiff, das Kuba zwar erreicht, aber nicht anlanden darf und nach wochenlanger Irrfahrt schließlich zurück nach Europa fahren muss…

1994 macht sich Isabells Familie von Kuba in die USA auf, zusammen mit den Nachbarn, auf einem notdürftig zusammengeschusterten Boot. Isabells Vater ist politisch engagiert und ständig in Gefahr verhaftet zu werden, seine Kinder sollen es einmal besser haben. Eine Flucht mit ungewissem Ausgang…

2015 flieht Mahmoud aus Aleppo in Richtung Europa, Fernziel Deutschland. Die Stadt ist komplett zerstört, es gibt keine sichere Unterkunft mehr, keine Nahrung, von Schule und Arbeit ganz zu schweigen. Auf ihrer Flucht machen sie die unterschiedlichsten Erfahrungen, sie werden betrogen und ausgenutzt, sind der Willkür von Politikern ausgeliefert, aber sie erfahren auch Hilfe.

Gratz wechselt in den Geschichten immer wieder hin und her, er versteht es, Spannung aufzubauen, scheut sich auch nicht, von schrecklichen Ereignissen zu berichten und entlässt den Leser doch mit einem Hoffnungsschimmer. Ein Buch, das eine ganz eindeutige Botschaft hat: Jeder Mensch hat das Recht, in Frieden zu leben. Ganz einfach – und doch so schwierig.

Für mich ein perfektes Familien-Buch, das zum Erzählen über Generationen hinweg einlädt.

Astrid Henning

 

 

 

 Joachim B. Schmidt, „Kalmann“, Diogenes, 352 Seiten, 22,00 €

Hier kommt ein Buch für alle Island-Fans, genauso aber auch für alle, die mit Island noch gar nichts am Hut haben. Denn hier lernen wir Kalmann kennen, Kalmann, den selbsternannten „Sheriff von Raufarhövn“, dem nördlichsten Ort auf Island. Danach kommt nur noch Schnee, Eis und das Nordpolarmeer.

Bei Kalmanns Geburt ist irgendwas schief gelaufen, wahrscheinlich zu wenig Sauerstoff, seine Mutter meint „Ärztepfusch“, wie auch immer – jedenfalls laufen die Räder in seinem Kopf manchmal rückwärts, wie er selbst sagt. Macht aber nichts, denn Kalmanns Großvater passt auf ihn auf und bringt ihm die wesentlichen Dinge des Lebens bei, dazu gehört unbedingt, wie man Polarfüchse jagt, fischen geht und den besten Gammelhai macht, der übrigens genauso riecht, wie es sich anhört.

Leider ist Kalmanns Großvater mittlerweile in einem Altenheim und seine Mutter nach Reikjavik gezogen, sodass Kalmann jetzt alleine in Großvaters Haus wohnt, aber das klappt eigentlich auch ganz gut.

Eines Tages ist er mal wieder draußen auf der Jagd nach einem Polarfuchs, da begegnet ihm etwas Schreckliches: Mitten im gleißenden, weißen Schnee stößt Kalmann auf eine Blutlache, eine richtig große, und er weiß sofort, dass es sich um menschliches Blut handelt, in beträchtlicher Menge. Gleichzeitig wird Robert McKenzie vermisst, der Betreiber des örtlichen Hotels und König der Fangquoten. Da liegt ein Zusammenhang natürlich nahe. Außerdem fehlt die Leiche, es sieht nicht nach einem sehr friedlichen Tod aus, also hat man plötzlich jede Menge Polizei am Hals, inklusive Medienberichterstattung. Und da Kalmann nun mal als Erster auf das Blut gestoßen ist, führt er den Suchtrupp zu besagter Stelle und geizt auch sonst nicht mit Aussagen zu Polarfüchsen, Jagd und Eisbären, die möglicherweise auf Futtersuche weite Wege zurücklegen können.

Kalmann ist sicher keine besondere intellektuelle Größe, aber seine Sicht der Dinge ist oftmals ziemlich klug und entwaffnend. Wie sagt er selbst beim Nachdenken über die Welt im Allgemeinen: „Wir wissen überhaupt sehr wenig. Und ich finde das sehr tröstlich, denn ich weiß ja auch nicht viel über die Welt, und wer so tut als hätte er auf alle Fragen eine Antwort, hat einen Schaden und mehr nicht.“

Pikant wird es, als Kalmann mal wieder einen Hai gefangen hat, ihn verarbeiten will und sich im Magen des Tiers Robert McKenzies linke Hand befindet. Da fragt man sich doch gleich, wo ist die rechte? Und der ganze Rest…?

Ein kluges Buch, ein lustiges Buch – ein toller Diogenes-Treffer.

Astrid Henning