Bildungswerk Cloppenburg e.V.

Islam in der Krise

Dr. Michael Blume begeisterte die 60 Zuhörer bei seinem Vortrag im Bildungswerk

Religionswissenschaftler Michael Blume: Der Islam hat keinen Aufwind, sondern ist in der Krise

Die Angst vor Islamisierung Europas ist unbegründet. Überall in Europa schüren Populisten die Angst vor der „Islamisierung“ des Abendlandes. Doch der Religionswissenschaftler Michael Blume kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Der Islam ist theologisch und intellektuell erstarrt, und weltweit kehren Muslime still und leise ihrer Religion den Rücken. Terrorattacken im Namen Allahs seien kein Zeichen der Stärke, sondern ein Zeichen der Schwäche, ein hilfloses „Umsich-Schlagen“ vor dem endgültigen Niedergang. Ein realistischerer Blick auf die Entwicklungen könne "auch den Populisten ganz gewaltig Angstpotenzial abgraben", sagte Blume am Donnerstagabend bei seinem Vortrag im Bildungswerk Cloppenburg.

Der Anteil muslimischer Menschen mit Glaubenszweifeln wächst. Möglicherweise seien die Säkularisierungstendenzen im Islam noch stärker als im Christentum, sagt der Referatsleiter für nichtchristliche Religionen des Staatsministeriums Baden-Württemberg.

In offiziellen Statistiken würde die Anzahl der Muslime mit 4 – 5 Millionen angegeben. Tatsächlich verdecken die offiziellen Statistiken, die „geborene“ Muslime mit beitragszahlenden Kirchenmitgliedern vergleichen, den massiven Glaubens- und vor allem religiösen Praxisverlust in der islamischen Welt. Blume beklagt zurecht, dass deutsche Statistiker oft immer noch automatisch von der Nationalität von Zuwanderern auf die Religion schließen. Während die Säkularisierung in den christlich geprägten Gesellschaften mit jeder nicht vorgenommenen Taufe und mit jedem Kirchenaustritt vollzogen wird, werfen die Angaben zu „Muslimen“ religiös Fromme und Engagierte mit religionskritischen Agnostikern und Atheisten islamischer Herkunft in den gleichen Topf.

Entgegen entsprechender Warnungen sei bei den Muslimen eine "massive Säkularisierung" und ein "massiver Geburtenrückgang" zu beobachten, betonte der Wissenschaftler: "Nur noch eine Minderheit der Muslime in Europa betet überhaupt noch regelmäßig, geschweige denn fünfmal täglich." Mit dieser Säkularisierung sei zugleich ein deutlicher Geburtenrückgang verbunden, ergänzte Blume. Denn die Religionsdemografie zeige, dass "religiöse Menschen im Durchschnitt mehr Kinder haben". In Europa nehme man in der Öffentlichkeit kinderreiche Familien oft stärker wahr, betonte der Experte weiter: "Und wenn dann zum Beispiel Leute sehen, da ist eine Muslimin mit Kopftuch und die hat drei Kinder, dann wird das verallgemeinert." Was dagegen kaum wahrgenommen werde, sei "die Muslimin, die schon gar kein Kopftuch mehr trägt, sich vielleicht nicht mehr als Muslimin versteht und gar keine Kinder mehr hat. Und das hat tatsächlich massiv zugenommen." Der religionsdemografische Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderzahl werde seit Jahrhunderten zu wenig beachtet und führe daher häufig zur Legendenbildung, so Blume.

Überzeugend zeichnet Blume die Erstarrung des Islams nach. Sie begann mit dem Verbot des Buchdrucks 1485 in Konstantinopel, was zu einem großen Wissensrückstand zu Europa führte – mit Folgen bis heute. Die Ölvorkommen in arabischen Ländern und der daraus folgende Reichtum zementierten den Rückstand, da die Bevölkerungen wenig Druck zu Veränderungen verspürten. Ob die Erneuerung gelingt, hänge vom Bildungsaufstieg junger Musliminnen ab, erklärte Blume den 60 Vortragsteilnehmern im Bildungswerk.